Hauptschule

Meine Söhne wechselten gerade von der Grund- auf die weiterführende Schule. Auf die Hauptschule. Wie wahrscheinlich die meisten Eltern haben wir uns zunächst auch gewünscht die beiden (Zwillinge) würden sich für eine der besseren Schulen qualifizieren. Nach der Ablehnung der Gesamtschule haben wir sogar Widerspruch eingelegt weil wir das Auswahlverfahren als fehlerhaft empfanden (und immer noch empfinden).

Nun sind sie seit einigen Tagen Schüler der Schule mit dem schlechten Ruf, und meine Haltung hat sich grundlegend geändert. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Zum einen eine Information die der Schulleiter der Hauptschule in seiner Begrüßungsrede fallen ließ. In jedem Jahr kommen, meist in der 7. Klasse, eine ganze Reihe Schüler an den sogenannten besseren Schulen auf die Hauptschule weil sie dort überfordert waren. In diesem Jahr sind es 40 Schüler die in unserer Stadt von den anderen Schulen auf die Hauptschule wechseln. Und das ist sehr viel, zum Vergleich, die 5. Klasse wird mit einer Jahrgangsstärke von 63 Kindern starten. Es wird also in jedem Jahr eine weitere 7. Klasse gegründet um die zusätzlichen Kinder aufnehmen zu können. Diese Kinder waren dann oft zwei Jahre die Versager an ihrer vorherigen Schule, wie mag sich das auf das Selbstwertgefühl von 13-jährigen auswirken ? Das lässt sich doch ein ganzes Leben nicht mehr gutmachen.

Ein anderer Grund sind persönliche Beobachtungen im Verwandten- und Bekanntenkreis. Nicht wenigen Freunden meiner Kinder steht das Unglück ins Gesicht geschrieben. Es sind 5. oder 6. Klässler die kaum noch über Freizeit verfügen weil sie in Ihrer Schule über alle Maßen ge- oder überfordert werden. Spielen ist da die Ausnahme. Rechnet man die Aufwendungen für Nachhilfe und Hausaufgaben hinzu so scheint vermutlich für viele dieser Kinder die 40 Stunden Woche der Eltern als Wunschtraum.

In diesem Zusammenhang betrachtet ist auch eine Information aus dem Spiegel-Online zu sehen. Im Artikel „Kann denn Siegen Sünde sein?“ vom 14.08.2008 wird berichtet das sich die Verabreichung von Psychopharmaka an Kinder in den letzten 10 Jahren nicht verdoppelt, verdreifacht oder verzehnfacht sondern verhundertfacht hat.

Wenn mich nicht alles täuscht werden wir in einigen Jahren junge Menschen herangezogen haben die über eine exzellente Bildung verfügen, seelisch und auch körperlich jedoch werden einige von ihnen einen hohen Preis dafür bezahlen.

Dabei sollten wir uns einmal Fragen wie wichtig Bildung denn ist. Niemand wird behaupten das Bildung kein wichtiges Gut sei. Aber das sie über der Gesundheit stehen soll, dass kann doch auch keiner wollen.

Und wie viel Bildung brauchen wir ? Ich meine, ein Volk kann doch nicht nur aus höchst gebildeten Menschen bestehen. Und man darf sich auch die Frage stellen ob in einigen Berufsfeldern nicht eine falsche Wertung vorliegt. So mag mancher Automechaniker (sorry KFZ-Mechatroniker) in dem ein oder anderen Fall mehr Leben retten als es beispielsweise ein Arzt tut. Das Problem liegt also darin das wir, die gesamte Gesellschaft aus Bildung das Recht auf einen höheren verdienst ableitet. Gleichzeitig werden die Mindestvoraussetzungen für immer mehr Berufsfelder soweit erhöht das man sich da durchaus an den Kopf fassen kann.

Auf der anderen Seite vernachlässigen wir sträflich die Bildungsbereiche abseits von Schule. Unter dem Oberbegriff soziale Kompetenz fällt eine großer Teil dessen. Aber auch zu lernen mit sich selber klar zukommen und ein gesundes Selbstwertgefühl aufzubauen ist ein Bereich von Bildung. Was nutzt ein hochgebildeter Mensch der aufgrund seiner persönlichen Probleme zum Suchtkranken wird ?

Hier scheint sich auch niemand daran zu erinnern das spielen ein wichtiger Bereich im Leben eines Kindes sein sollte. Denn spielen heißt ja auch lernen, nur mit mehr Spaß. Statt aber mehr Raum für das spielen zu ermöglichen wird genau das Gegenteil getan. Stellen wir fest das ein erheblicher Anteil an Kindergartenkindern Probleme mit der Muttersprache hat führen wir … neben anderen Maßnahmen … eine Fremdsprache in den Kindergarten ein.

Dann darf man dann auch die Frage stellen inwieweit Schule überhaupt auf persönliche Fähigkeiten abgestellt werden kann. Es mag Kinder geben die einfach nicht in der Lage sind Rechnen oder schreiben auf dem Niveau Ihrer Mitschüler zu lernen. Ihre Fähigkeiten liegen dann eben woanders. Warum aber wird dann über 10 Jahre versucht sie mit Gewalt auf das Niveau aller anderen zu bringen ? Wäre es nicht besser hier zu fördern worin das Kind gut ist und die grundlegenden Kulturtechniken auf ein Mindestmaß zu beschränken.

Muss ein guter Musiker wirklich unbedingt gute Rechtschreibung beherrschen ? Muss im Zeitalter von Officesoftware überhaupt noch jeder gute Rechtschreibung können ? Wäre es nicht besser dem musiktalentieren ein weiteres Instrument nahe zubringen, und dem sportlichen Schüler eben mehr Sport angedeihen zu lassen ?

Klar sollte jeder lesen, schreiben und rechnen können, ob es aber mehrere Sprachen und Zinsrechnung sein muss darf man bezweifeln.

Wir sollten uns alle mal überlegen was wir unseren Kindern antun und ob das wirklich zu ihrem besten ist.

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